Alles ist virtuell?
02.10.2026 04:47

Was so manche Menschen online erleben

von Hans-Georg Peitl

Ganz ehrlich, Freunde: So manche Onlinebekanntschaft kann wirklich lustig verlaufen. Zumindest hat mir das ein Freund erzählt.

Der lernte im Internet eine Frau kennen. Und da er Junggeselle ist, verliebte er sich Hals über Kopf in sie.

So weit, so romantisch.

Nur begann damit auch das Problem. Sie nahm sein Angebot an, und irgendwann waren sich beide einig: Sie sollte seine Frau werden.

Dann kam die Aufforderung:

„Schick mir einen Ring.“

Etwas, das er vielleicht sogar gemacht hätte – wenn er gewusst hätte, welche Ringgröße sie hat.

Und vor allem: Wohin soll er den Ring eigentlich schicken?

Denn eine Zustelladresse gab es nicht.

Und genau hier wird aus der lustigen Geschichte plötzlich eine interessante Frage unserer Zeit.

Wir lernen Menschen online kennen. Manche stellen sich als mögliche Geschäftspartner vor, andere als Freunde und wieder andere sogar als mögliche Lebenspartner. Man schreibt miteinander, tauscht Bilder und Dateien aus, telefoniert vielleicht oder führt Videogespräche.

Doch manchmal scheint eine E-Mail-Adresse bereits die gesamte physische Existenz eines Menschen ersetzen zu sollen.

„Du kannst mich doch erreichen.“

Ja. Digital.

Aber reicht das?

Interessanterweise kommen wir damit an einen Punkt, den wir von künstlicher Intelligenz längst kennen.

Mit einer KI kann ich über beinahe alles sprechen. ChatGPT, Gemini und andere Systeme können Texte lesen, Bilder analysieren und mit digitalen Dateien arbeiten. Ich kann ihnen PDFs, WAV-Dateien oder JPGs übermitteln.

Doch nehmen wir einmal an, mein alter Toaster funktioniert nicht mehr.

Ich kann der KI ein Foto davon zeigen. Ich kann beschreiben, was passiert ist. Vielleicht kann sie mir sogar erklären, wo der Fehler liegen könnte.

Nur kann ich nicht sagen:

„Ich schicke dir den Toaster. Repariere ihn bitte und schick ihn anschließend zurück.“

Denn wohin sollte ich ihn schicken?

Eine KI besitzt keine Wohnung, keine Werkstatt und keinen Briefkasten, an dem ich klingeln könnte.

Sie existiert für mich ausschließlich im digitalen Raum.

Und genau deshalb wird es spannend, wenn sich Menschen im Internet ähnlich verhalten.

Natürlich muss niemand einem Fremden sofort seine Privatanschrift mitteilen. Datenschutz und persönliche Sicherheit sind gute Gründe, mit solchen Informationen vorsichtig umzugehen.

Doch je größer die Ansprüche einer Beziehung werden, desto merkwürdiger wird es, wenn die reale Welt vollkommen draußen bleiben soll.

Wer Geschäfte abschließen möchte, braucht irgendwann überprüfbare Daten.

Wer Waren verschicken möchte, braucht eine Adresse.

Und wer einen Ring haben möchte, braucht zumindest irgendwann eine Ringgröße und einen Ort, an den das verdammte Ding geliefert werden kann.

Sonst haben wir möglicherweise eine der seltsamsten Entwicklungen des digitalen Zeitalters erreicht:

Wir bauen Beziehungen auf, schließen Vereinbarungen, machen Geschäfte und sprechen sogar über Liebe – während der andere Mensch für uns manchmal kaum greifbarer ist als eine künstliche Intelligenz.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:

Ist das Internet real?

Natürlich ist es das. Die Menschen, Gefühle, Gespräche und wirtschaftlichen Folgen darin können sehr real sein.

Die bessere Frage lautet:

Wie viel reale Welt braucht eine digitale Beziehung, damit aus einem Kontakt tatsächlich eine Beziehung zwischen zwei Menschen wird?

Denn spätestens wenn der Ring verschickt werden soll, stößt selbst die schönste virtuelle Welt an eine erstaunlich analoge Grenze:

Der Postbote braucht eine Adresse.

Informationen zu diesem Artikel
  • Erstellt von: OMPastorPeitl
    Kategorie: Allgemein
    02.10.2026 04:47:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 02.10.2026 04:48
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