Dreißig Jahre Lampenfieber, das keines war
30.08.2026 05:18

Langsam werde ich alt und da sollte ich auch anfangen meine Sünden zu beichten

von Hans-Georg Peitl

Vor ungefähr dreißig Jahren sollte ich in einer Fernsehsendung auftreten. Keine unbedeutende Produktion, sondern eine Sendung mit Ingrid Stöckl.

Ich hatte zugesagt.

Und ich kam nicht.

Ich sagte nicht ab. Ich rief nicht an. Ich erschien schlicht nicht.

Für eine Fernsehredaktion ist das vermutlich eine der unangenehmsten Situationen, die ein Gast verursachen kann. Die Sendung lief, Ingrid Stöckl saß vor der Kamera – und musste überbrücken, weil der angekündigte Gesprächspartner nicht da war.

Dass sie darüber nicht besonders erfreut gewesen sein dürfte, kann ich ihr bis heute nicht verdenken.

Die Erklärung war schnell gefunden

Offenbar entstand damals der Eindruck, ich hätte Lampenfieber bekommen.

Das war schließlich eine plausible Erklärung. Ein größerer Fernsehauftritt steht bevor, der Gast erscheint nicht und meldet sich auch nicht. Vielleicht hat er im letzten Moment Angst bekommen.

Nur stimmte es nicht.

Ich hatte kein Lampenfieber.

Am Tag vor der Sendung hatte sich meine damalige Freundin völlig überraschend von mir getrennt. Es war nicht irgendeine Beziehung. Ich hatte geglaubt, dass wir heiraten würden.

Einen Tag später war ich schlicht nicht ansprechbar.

Das entschuldigt mein Verhalten gegenüber der Redaktion nicht. Ich hätte absagen müssen. Wenn ich selbst dazu nicht in der Lage war, hätte ich jemanden bitten müssen, dort anzurufen.

Das geschah nicht.

Es war ein Fehler. Mein Fehler.

Aber es war ein anderer Fehler als jener, für den er offenbar gehalten wurde.

Aus einer Vermutung wird eine Geschichte

Und genau deshalb erzähle ich diese alte Geschichte heute.

Menschen beobachten unser Verhalten. Die Gründe dafür können sie jedoch nicht sehen.

Also ergänzen wir Menschen die fehlenden Teile.

Jemand erscheint nicht zu einem Fernsehauftritt.

Warum?

Lampenfieber wäre möglich.

Damit haben wir eine Erklärung. Wird sie weitererzählt, wird irgendwann aus „Vielleicht hatte er Lampenfieber“ ein „Er hatte Lampenfieber“.

Und noch etwas später bleibt möglicherweise nur noch eine Charakterbeschreibung übrig:

Interessanter Mann – aber man weiß nie, ob er tatsächlich kommt.

Dabei kann ein Ruf, der einen Menschen jahrzehntelang begleitet, auf der Interpretation eines einzigen Tages beruhen.

Wir kennen den Tag davor nicht

Das passiert nicht nur Menschen, die einmal einen Fernsehauftritt versäumen.

Der Kollege grüßt morgens nicht.

Arrogant.

Eine Freundin beantwortet unsere Nachricht nicht.

Offenbar sind wir ihr egal.

Ein Mitarbeiter macht einen schweren Fehler.

Unzuverlässig.

Jemand sagt kurzfristig einen Termin ab.

Auf den kann man sich eben nicht verlassen.

Vielleicht stimmt unsere Erklärung sogar.

Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht hat dieser Mensch gerade erfahren, dass seine Ehe zerbricht. Vielleicht liegt jemand aus seiner Familie im Krankenhaus. Vielleicht hat er eine Nacht lang geweint. Vielleicht weiß er selbst gerade nicht, wie sein Leben morgen aussehen wird.

Wir sehen den Menschen am Dienstag.

Aber wir kennen seinen Montag nicht.

Erklärung ist nicht Entschuldigung

Dabei sollten wir nicht in das andere Extrem fallen.

Dass es für ein Verhalten einen verständlichen Grund gibt, macht das Verhalten nicht automatisch richtig.

Ich hätte damals die Redaktion informieren müssen.

Ingrid Stöckl musste wegen meines Nichterscheinens während einer laufenden Fernsehsendung improvisieren. Daran ändert auch die Geschichte des Tages davor nichts.

Heute würde ich mich dafür bei ihr entschuldigen.

Aber zwischen „Das war nicht in Ordnung“ und „Jetzt weiß ich, warum dieser Mensch so gehandelt hat“ besteht kein Widerspruch.

Wir können Verantwortung verlangen und trotzdem Verständnis haben.

Vielleicht brauchen wir sogar beides.

Dreißig Jahre später

Heute muss ich über einen Teil der Geschichte beinahe schmunzeln.

Ausgerechnet Lampenfieber.

Wer mich heute kennt, weiß, dass mein Verhältnis zur Öffentlichkeit inzwischen eher das gegenteilige Problem kennt. Wenn eine Zeitung über mich schreibt, frage ich nicht erschrocken, warum sie das tut.

Ich frage eher:

„Sehr schön. Wo ist die nächste?“

Menschen verändern sich.

Aber vor allem sollten wir vorsichtig damit sein, aus einem einzelnen Verhalten einen ganzen Menschen zu konstruieren.

Denn manchmal erzählen wir jahrzehntelang eine vollkommen plausible Geschichte über jemanden.

Nur leider ist sie falsch.

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich weniger schnell fragen:

„Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“

Und stattdessen:

„Was könnte gestern in seinem Leben passiert sein?“

Denn wir sehen sein Verhalten.

Aber meistens kennen wir den Tag davor nicht. ❤️

Informationen zu diesem Artikel
  • Erstellt von: OMPastorPeitl
    Kategorie: Allgemein
    30.08.2026 05:18:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 30.08.2026 05:27
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