Sind wir nicht alle Schauspieler?
26.08.2026 06:23Irgendwie frage ich mich zur Zeit, ob nicht das gesamte Leben eine einzige Bühne ist. Was meinst Du?
von Hans-Georg Peitl
Ich habe irgendwann festgestellt, dass Schauspieler vielleicht die treffendste Bezeichnung für das ist, was ich eigentlich mache.
Ich bin Musiker.
Ich war politisch tätig.
Ich bin Pastor.
Ich bin Autor.
Und trotzdem könnte man sagen:
In erster Linie bin ich Schauspieler.
Nur ist Schauspiel zufällig nicht mein eigentlicher Beruf geworden.
Jeder Beruf verlangt eine Rolle
Wer öffentlich tätig ist, spielt beinahe zwangsläufig Rollen.
Als Musiker muss man nicht nur Musik machen. Man steht auf einer Bühne, präsentiert etwas und muss dafür sorgen, dass über die eigene Arbeit gesprochen wird.
Als Autor muss man über Dinge sachlich schreiben können, über die man innerlich vielleicht längst schmunzelt.
Als Schauspieler muss man sich sogar ausdrücklich in Menschen hineinversetzen können, deren Denken, Verhalten oder Lebensweise mit der eigenen überhaupt nichts gemeinsam hat.
Und in der Politik wird die Sache besonders deutlich.
Ein Politiker vertritt eine bestimmte politische Rolle.
Ich könnte einen Rechtsextremen ebenso darstellen wie einen linken Christkommunisten. Ich kann monarchistisch argumentieren und ebenso direktdemokratisch.
Dann fragen manche Menschen:
„Gestern warst du noch rechts, heute bist du links. Gestern Monarchist, heute Direktdemokrat. Was denn nun?“
Die Antwort ist erstaunlich einfach:
Das hängt von der Rolle ab.
Ein Schauspieler, der gestern einen König gespielt hat und heute einen Revolutionär spielt, ist schließlich auch nicht über Nacht politisch umgefallen.
Das Problem der Politik
Politik besitzt allerdings eine Besonderheit:
Im Film weiß das Publikum, dass jemand eine Rolle spielt.
In der Politik wird die Rolle häufig für die Person gehalten.
Nehmen wir eine Partei, die ausschließlich mit dem Ziel antritt, Obdachlosigkeit zu beseitigen.
Was wäre ihr größter Erfolg?
Dass es keine Obdachlosigkeit mehr gibt.
Und was wäre gleichzeitig die unmittelbare Folge?
Die Partei hätte ihren Zweck verloren.
Wenn sie tatsächlich ausschließlich eine Obdachlosenpartei ist, könnte sie nicht einfach erklären:
„Dann beschäftigen wir uns eben mit einem anderen Thema.“
Das wäre Themenverfehlung.
Ihr ursprünglicher Zweck wäre erfüllt.
Konsequent müsste sie sich auflösen.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Interessenkonflikt:
Der vollständige politische Erfolg wäre gleichzeitig das Ende der politischen Organisation.
Viel angenehmer ist es für eine solche Organisation, Teilprobleme erfolgreich zu bearbeiten.
Man kann zeigen:
„Seht her, wir tun etwas.“
Gleichzeitig bleibt aber genügend vom ursprünglichen Problem bestehen, um weiterhin gebraucht zu werden.
Genau an diesem Punkt beginnt für mich politisches Schauspiel.
Wo endet die Rolle und wo beginnt der Mensch?
Nun kann jemand einwenden:
„Aber welche dieser ganzen Positionen glaubst du denn wirklich?“
Vielleicht ist das die falsche Frage.
Denn politische und gesellschaftliche Rollen können wechseln.
Es gibt aber etwas, das für mich hinter all diesen Rollen bestehen bleibt:
Gott hat alles gemacht.
Auch die Möglichkeiten.
Auch die unterschiedlichen Rollen.
Auch die Menschen, die sie spielen.
Damit wird die Welt beinahe zu einer großen Bühne.
Nicht deshalb, weil sie unwirklich wäre.
Sondern weil Menschen innerhalb dieser Welt unterschiedliche Aufgaben übernehmen.
Gott als Regisseur
Man könnte Gott mit einem Regisseur vergleichen.
Ein Regisseur benötigt für einen Film eine bestimmte Figur.
Er bietet einem Schauspieler die Rolle an.
Doch der Schauspieler besitzt einen eigenen Willen.
Er kann sagen:
„Nein. Diese Rolle spiele ich nicht.“
Damit verschwindet aber nicht automatisch die Rolle aus dem Drehbuch.
Der Regisseur kann sie neu besetzen.
Genau so verstehe ich auch einen Teil der biblischen Geschichte.
Für mich ist das Böse nicht plötzlich außerhalb Gottes entstanden, als hätte neben Gott noch ein zweiter Schöpfer existiert.
Wenn Gott alles geschaffen hat, dann kann das Böse nicht von einem unabhängigen Gegengott geschaffen worden sein.
Auch der Teufel gehört zur geschaffenen Wirklichkeit.
Die Bibel bezeichnet ihn unter anderem als den „Fürsten dieser Welt“ und als den „Gott dieser Weltzeit“.
Doch ein Geschöpf Gottes besitzt die Möglichkeit, eine ihm zugedachte Aufgabe abzulehnen.
Und wenn ein Darsteller seine Rolle nicht mehr spielen will?
Dann braucht der Regisseur einen anderen.
Und dann kommt Jesus
Hier liegt für mich eine ungewöhnliche Möglichkeit, die Geschichte Jesu zu betrachten.
Wenn eine Aufgabe innerhalb der Weltordnung nicht mehr entsprechend ausgeführt wird, muss Gott deswegen nicht seinen Plan aufgeben.
Er kann die Rolle neu besetzen.
Jesus wäre in diesem Bild nicht deshalb mit dem Teufel identisch.
So wenig wie zwei Schauspieler identisch sind, nur weil sie dieselbe Rolle nacheinander spielen.
Die Person ist nicht die Rolle.
Eine Funktion kann neu besetzt werden.
Das Neue Testament sagt schließlich über Jesus:
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“
Die Herrschaft wird neu geordnet.
Der freie Wille bleibt
Das Entscheidende dabei ist für mich:
Gott zwingt niemanden, eine Rolle zu übernehmen.
Ein Schauspieler darf ein Engagement ablehnen.
Ein Mensch darf Nein sagen.
Damit ist Gottes Schöpfung nicht gescheitert.
Die Rolle kann anders besetzt werden.
Vielleicht besteht gerade darin ein Teil dessen, was wir freien Willen nennen.
Wir stehen auf einer Bühne, die wir nicht selbst gebaut haben.
Wir haben Fähigkeiten bekommen, die wir nicht selbst erschaffen haben.
Wir begegnen Situationen, die wir uns häufig nicht ausgesucht haben.
Aber wir können entscheiden, ob wir eine bestimmte Rolle übernehmen.
Und manchmal entscheidet Gott anschließend:
Dann wird eben umbesetzt.
Vielleicht sind wir deshalb tatsächlich alle ein wenig Schauspieler.
Wir spielen Politiker.
Wir spielen Musiker.
Wir spielen Autoren.
Wir spielen Pastoren.
Wir spielen Könige, Revolutionäre, Linke und Rechte.
Die Rollen wechseln.
Die Bühne bleibt.
Und über all diesen Rollen steht für mich letztlich nur einer:
Derjenige, der die Bühne geschaffen hat.
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Kommentare
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