Bibel in der Muttersprache
20.08.2026 05:38

Warum wir glauben, dass die Bibel in Deutsch vollkommen ausreicht

von Hans-Georg Peitl

Es ist immer wieder überraschend, wenn man erlebt, wie Menschen die Bibel auslegen.

Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, dass wir gar nicht mehr lesen, was dort tatsächlich steht, sondern zuerst eine fertige Lehre haben – und anschließend versuchen, die Bibel passend dazu zu erklären.

Ein schönes Beispiel dafür ist das Tätowieren.

Immer wieder hört man:

„Die Bibel verbietet Tätowierungen.“

Nur steht das so nicht einfach da.

In 3. Mose 19,28 steht das Verbot ausdrücklich im Zusammenhang mit den Toten. Man soll sich wegen eines Toten keine Einschnitte machen und keine Zeichen einritzen.

Das ist zumindest etwas anderes als die pauschale Aussage:

„Ein Christ darf sich niemals tätowieren lassen.“

Man kann selbstverständlich darüber diskutieren, was diese Vorschrift für einen Christen heute bedeutet. Aber dann sollten wir auch über das diskutieren, was tatsächlich geschrieben steht.

Ist ein Ebenbild das Original?

Ähnlich interessant wird es, wenn es um Jesus geht.

Da erklärt man mir beispielsweise:

Jesus müsse Gott sein, weil er das Ebenbild Gottes sei.

Und genau da werde ich stutzig.

Denn was ist eigentlich ein Ebenbild?

Ein Ebenbild verweist auf jemanden. Es bildet jemanden ab. Es kann ihm entsprechen oder ihn repräsentieren.

Aber das Bild und derjenige, dessen Bild es ist, sind deshalb nicht automatisch dieselbe Person.

Das wird besonders deutlich, wenn wir an den Schöpfungsbericht denken.

Dort wird auch der Mensch als Gottes Ebenbild bezeichnet.

Und jetzt verrate ich etwas möglicherweise theologisch Revolutionäres:

Ich bin nicht Jachwe.

Obwohl auch ich als Mensch nach dem biblischen Schöpfungsbericht zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde.

Niemand würde ernsthaft argumentieren:

„Hans-Georg ist Ebenbild Gottes. Also ist Hans-Georg Jachwe.“

Warum sollte also allein das Wort „Ebenbild“ bei Jesus plötzlich beweisen, dass Jesus und Jachwe identisch sein müssen?

Damit ist selbstverständlich noch nicht entschieden, welches Wesen Jesus besitzt oder in welchem Sinne er als Gott bezeichnet werden kann.

Für mich kann Jesus durchaus Gott genannt werden – etwa als Heiland und als derjenige, dem große Macht und Autorität gegeben wurde.

Aber die Aussage

„Jesus ist Gott“

und die Aussage

„Jesus ist Jachwe“

sind für mich nicht automatisch dasselbe.

Gestern war ich beim Fleischhauer

Dann kommt Johannes 1,1.

Dort lesen wir, dass das Wort bei Gott war.

Und daraus soll ich wiederum verstehen, dass das Wort mit diesem Gott identisch sein müsse.

Da muss ich gestehen, dass mein deutschsprachiges Gehirn Schwierigkeiten bekommt.

Denn:

Gestern war ich beim Fleischhauer.

Trotzdem bin ich weder der Fleischhauer noch das Fleisch.

Wenn jemand bei jemandem ist, setzt diese Formulierung in unserer normalen Sprache zunächst einmal voraus, dass es jemanden gibt, bei dem er ist.

Johannes 1,1 enthält natürlich noch die zweite Aussage, dass das Wort Gott war. Genau deshalb ist dieser Vers theologisch so interessant.

Aber er sagt eben beides:

Das Wort war bei Gott.

Und das Wort war Gott.

Diese Spannung darf man nicht dadurch beseitigen, dass man einfach einen Teil des Satzes ignoriert.

Und dann kommt Altgriechisch

Spätestens an diesem Punkt passiert in theologischen Diskussionen häufig etwas Faszinierendes.

Man liest einen ziemlich verständlichen deutschen Satz.

Dann erklärt jemand:

„Ja, aber im Altgriechischen bedeutet das etwas ganz anderes.“

Natürlich ist es sinnvoll, die ursprünglichen Sprachen der Bibel heranzuziehen.

Übersetzungen können ungenau sein. Manche Wörter besitzen Bedeutungsnuancen, die sich nicht vollständig ins Deutsche übertragen lassen. Und manchmal hilft ein Blick ins Hebräische oder Griechische tatsächlich enorm.

Aber daraus darf kein theologischer Zaubertrick werden.

Wenn in meiner deutschen Bibel etwas steht und mir anschließend regelmäßig erklärt werden muss, dass der deutsche Satz eigentlich etwas vollkommen anderes bedeutet, entsteht irgendwann eine einfache Frage:

Warum steht es dann so in der deutschen Bibel?

Eine Übersetzung hat schließlich genau die Aufgabe, den Inhalt eines Textes in einer anderen Sprache verständlich wiederzugeben.

Muss Gott Altgriechisch mit mir sprechen?

Natürlich wurde die deutsche Bibelübersetzung nicht unmittelbar von Gott geschrieben.

Wenn 2. Timotheus 3,16 davon spricht, dass die Schrift von Gott eingegeben ist, kann damit keine deutsche Übersetzung gemeint sein, die Jahrhunderte später entstanden ist.

Übersetzer sind Menschen.

Und Menschen können Fehler machen.

Gerade deshalb sind Vergleiche verschiedener Übersetzungen und gelegentlich auch ein Blick in die ursprünglichen Sprachen sinnvoll.

Trotzdem halte ich einen anderen Gedanken für wichtig:

Die Bibel soll für Menschen verständlich sein.

Ich spreche Deutsch.

Deutsch ist meine Muttersprache.

Und wenn ich eine anerkannte deutsche Bibelübersetzung lese, muss ich grundsätzlich darauf vertrauen können, dass sie mir nicht das Gegenteil dessen erzählt, was der ursprüngliche Text aussagt.

Sonst hätten wir ein gewaltiges Problem.

Denn dann wäre die Bibel letztlich nur für eine kleine Gruppe von Spezialisten wirklich zugänglich.

Der normale Gläubige müsste bei jedem Vers fragen:

„Darf ich glauben, was hier auf Deutsch steht, oder erklärt mir morgen jemand, dass es auf Altgriechisch genau andersherum gemeint ist?“

Das kann meines Erachtens nicht der Sinn einer Bibelübersetzung sein.

Lesen wir zunächst einmal, was dort steht

Vielleicht wäre deshalb für manche theologische Diskussion eine ganz einfache Regel hilfreich:

Zuerst lesen wir den Text.

Dann überlegen wir, was dort steht.

Dann vergleichen wir andere Bibelstellen.

Und wenn es tatsächlich sprachliche Unklarheiten gibt, können wir selbstverständlich Hebräisch, Aramäisch und Griechisch zu Hilfe nehmen.

Aber nicht, um einen Text so lange umzudeuten, bis er zu unserer bereits vorher feststehenden Theologie passt.

Sondern um ihn besser zu verstehen.

Denn vielleicht besteht eine der größten Gefahren beim Bibellesen darin, dass wir irgendwann nicht mehr fragen:

„Was steht geschrieben?“

Sondern nur noch:

„Wie muss ich das Geschriebene erklären, damit das herauskommt, was ich ohnehin schon glaube?“

Ich lese die Bibel auf Deutsch.

Nicht weil ich glaube, dass Gott Deutsch spricht.

Sondern weil Gott weiß, dass ich Deutsch spreche.

Und ich glaube nicht, dass man Altgriechisch studiert haben muss, damit Gott einem Menschen durch die Bibel etwas sagen kann.

Informationen zu diesem Artikel
  • Erstellt von: OMPastorPeitl
    Kategorie: Allgemein
    20.08.2026 05:38:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 20.08.2026 05:46
  • Keine Kommentare
Kommentare
Es wurden noch keine Kommentare erstellt

ReCaptcha Fehler. Das ReCaptcha konnte nicht validiert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.

Sie haben zu viele Bilder in Ihrem Beitrag. Maximal dürfen Bilder verwendet werden.

Sie haben zu viele animierte Bilder in Ihrem Beitrag. Maximal dürfen animierte Bilder verwendet werden.

Ein in Ihrem Beitrag verwendetes Bild überschreitet die zulässige Breite, die vom Administrator des Forums festgelegt wurde. Die maximal erlaubte Breite sind Pixel.

Ein in Ihrem Beitrag verwendetes Bild überschreitet die zulässige Höhe, die vom Administrator des Forums festgelegt wurde. Die maximal erlaubte Höhe sind Pixel.

Der eingegebene Text ist zu lang (maximal 65.500 Zeichen).

Sie dürfen erst in Tagen Links zu externen Webseiten posten.

Sie dürfen erst nach Beiträgen Links zu externen Webseiten posten

Sie haben tägliche Limit für neue Beiträge bereits erreicht. Versuchen Sie es später noch einmal.

Das Schreiben von privaten Nachrichten ist erst nach Beiträgen erlaubt.