Wenn derselbe Flug für zwei Menschen etwas anderes bedeutet
13.08.2026 05:14

Ganz ehrlich gesagt, liebe Freunde, fühle ich mich heute ein wenig mies.

von Hans-Georg Peitl

Gestern ist nämlich nicht nur ein mögliches persönliches Kennenlernen geplatzt. Gleichzeitig ist eine gemeinsame Musikproduktion vom Tisch, für die bereits ein Vertragsvorschlag vorlag.

Und das Ärgerliche daran:

Der Vertragsvorschlag war aus meiner Sicht durchaus fair.

Trotzdem kam es zum Streit. Und seitdem frage ich mich, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Eigentlich ging es gar nicht um die Produktionskosten

Wer gemeinsam Musik produziert, verursacht Kosten.

Ein Studio kostet Geld. Musiker, Technik und andere Leistungen können Geld kosten. Und selbstverständlich muss man vorher vereinbaren, wer welche Kosten übernimmt.

Damit hatte ich grundsätzlich kein Problem.

Auch Reisekosten sind für mich nicht grundsätzlich ungewöhnlich.

Wenn ich jemanden beruflich nach Wien bestelle, weil ich ihn für eine Produktion brauche, kann es vollkommen selbstverständlich sein, seine Anreise zu bezahlen. Umgekehrt würde auch ich erwarten, dass über meine Reisekosten gesprochen wird, wenn mich jemand für einen Auftrag an einen anderen Ort bestellt.

Doch hier gab es eine Besonderheit.

Wir wollten nicht nur gemeinsam Musik produzieren.

Wir wollten einander auch persönlich kennenlernen.

Und genau dadurch bekam die Frage nach den Reisekosten für mich plötzlich eine vollkommen andere Bedeutung.

Wenn aus Reisekosten etwas Persönliches wird

Meine mögliche Projektpartnerin wollte, dass ich Geld für ihre Anreise nach Wien zur Verfügung stelle.

Und an diesem Punkt entstand bei mir Widerstand.

Nicht deshalb, weil ich grundsätzlich keine Reisekosten bezahlen würde.

Sondern weil ich mir dachte:

Wenn zwei Menschen einander persönlich kennenlernen wollen, warum soll dann einer den anderen dafür bezahlen, dass dieses Kennenlernen überhaupt stattfindet?

Ich wäre gerne bereit gewesen, in Wien Gastgeber zu sein.

Essen gehen? Kein Problem.

Gemeinsam etwas unternehmen? Gerne.

Kosten übernehmen, die während eines Besuches entstehen? Darüber hätte man problemlos reden können.

Aber die Anreise zu einem gegenseitig gewünschten persönlichen Kennenlernen wollte ich nicht finanzieren.

Vielleicht lässt sich mein damaliges Gefühl am besten mit einem etwas überspitzten Beispiel erklären.

Stellen wir uns vor, zwei Menschen wären irgendwann miteinander verheiratet.

Der eine sagt:

„Schatz, kannst du bitte Milch und Brot einkaufen gehen?“

Der andere antwortet:

„Natürlich. Gib mir 20 Euro, dann gehe ich.“

Also bekommt er die 20 Euro.

Daraufhin sagt er:

„Und jetzt brauche ich natürlich noch das Geld für Milch und Brot.“

Spätestens an diesem Punkt würde ich mich fragen:

Was sind wir eigentlich?

Eine Partnerschaft?

Oder bekommt einer vom anderen Geld dafür, dass er seinen Teil zu etwas beiträgt, das beide betrifft?

Genau dieses Gefühl entstand bei mir.

Vielleicht lag genau darin mein Fehler

Denn heute, mit etwas Abstand, sehe ich auch die andere Möglichkeit.

Vielleicht betrachtete meine mögliche Projektpartnerin ihre Reise überhaupt nicht so.

Vielleicht war es für sie schlicht eine berufliche Reise im Rahmen einer geplanten Musikproduktion.

Dann hätte sie möglicherweise gedacht:

Studio, Reise, Produktion – das alles gehört zu den Kosten des Projektes.

Während ich dachte:

Moment einmal. Wir wollen uns doch beide kennenlernen. Warum soll ich dafür bezahlen, dass du kommst?

Dann hätten wir zwar über denselben Flug gesprochen, aber in Wahrheit über zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Und genau an diesem Punkt habe ich möglicherweise einen Fehler gemacht.

Nicht unbedingt dadurch, dass ich kein Geld für die Anreise bezahlen wollte.

Zu dieser Grenze stehe ich auch heute.

Aber ich habe meinen Unmut darüber ziemlich scharf formuliert.

Und kurz darauf war der Kontakt beendet.

Eine Grenze kann richtig und die Reaktion trotzdem falsch sein

Das ist vielleicht die unangenehmste Erkenntnis aus der ganzen Geschichte.

Wir neigen dazu, solche Situationen anschließend in Gewinner und Verlierer, Schuldige und Unschuldige einzuteilen.

Wer hatte recht?

Wer hat sich falsch verhalten?

Wer trägt den schwarzen Peter?

Vielleicht ist das manchmal die falsche Frage.

Denn möglicherweise hatten hier einfach zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was zu einer gemeinsamen Unternehmung gehört.

Für die eine Seite konnte die Reise Bestandteil eines beruflichen Projektes sein.

Für die andere Seite war dieselbe Reise zugleich der Weg zu einem persönlichen Kennenlernen.

Beides ist nachvollziehbar.

Was ich heute bedaure, ist deshalb nicht, eine finanzielle Grenze gezogen zu haben.

Ich bedaure vielmehr, dass ich möglicherweise nicht gefragt habe:

„Was bedeutet diese Reise eigentlich für dich?“

Vielleicht hätte ein ruhiges Gespräch genügt.

Vielleicht auch nicht.

Das werde ich möglicherweise nie erfahren.

Partnerschaft bedeutet für mich Gegenseitigkeit

Eines habe ich aus der Sache jedenfalls gelernt.

Wenn zwei Menschen gemeinsam etwas schaffen wollen, wünsche ich mir, dass beide etwas dazu beitragen.

Das muss keineswegs immer derselbe Geldbetrag sein.

Einer kann Geld einbringen, der andere Arbeit. Einer besitzt Kontakte, der andere Erfahrung. Einer stellt ein Studio zur Verfügung, der andere reist an.

Partnerschaft bedeutet nicht, dass immer alles exakt halbiert werden muss.

Aber sie bedeutet für mich:

Wir bewegen uns beide aufeinander zu.

Und bei einem persönlichen Kennenlernen gilt das für mich noch stärker.

Ich möchte keinen Menschen dafür bezahlen, dass er mich kennenlernen möchte.

Ebenso wenig möchte ich von einem Menschen Geld dafür verlangen, dass ich ihn kennenlernen darf.

Wenn ich jemanden wirklich kennenlernen möchte, dann ist mein eigener Weg zu diesem Menschen für mich zunächst einmal mein Beitrag zu dieser Begegnung.

Und nun?

Nun ist die Sache beendet.

Das geplante Kennenlernen findet nicht statt und auch die gemeinsame Musikproduktion wird es vermutlich nicht geben.

Das finde ich schade.

Sehr schade sogar.

Und vielleicht ist gerade dieses Bedauern der Grund, weshalb ich heute darüber schreibe.

Ich möchte der anderen Person ausdrücklich keinen Vorwurf machen. Vielleicht hatte sie für ihre Vorstellung ebenso gute Gründe wie ich für meine.

Aber ich möchte auch meine eigene Reaktion nicht schönreden.

Vielleicht war meine Grenze richtig.

Vielleicht war ihre Vorstellung ebenfalls nachvollziehbar.

Und vielleicht war lediglich mein Ärger an diesem Punkt ein schlechter Ratgeber.

So bleibt für mich eine Erkenntnis zurück:

Manchmal scheitern zwei Menschen nicht daran, dass einer von ihnen etwas Böses will.

Manchmal scheitern sie daran, dass derselbe Flug für beide in eine völlig andere Richtung führt.

Informationen zu diesem Artikel
  • Erstellt von: OMPastorPeitl
    Kategorie: Allgemein
    13.08.2026 05:14:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 13.08.2026 05:22
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