Wenn Menschen auf Menschen treten, die schon am Boden liegen
07.08.2026 09:07

Ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft im Umgang mit Suizidgefährdeten

von Hans-Georg Peitl

Es gibt so Momente im Leben, Freunde, in denen erinnert man sich an die schwärzesten Augenblicke des eigenen Lebens.

An einen Augenblick, in dem man bereits in einer U-Bahn-Station sitzt und darüber nachdenkt, unter die nächste U-Bahn zu springen.

Und sich dann doch noch für eine andere Möglichkeit entscheidet:

Die Rettung anzurufen.

Danach verbringt man einige Zeit in psychiatrischen Krankenhäusern. Denn dort nimmt man es glücklicherweise ziemlich ernst, wenn ein Mensch darüber nachdenkt, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Warum erzähle ich euch das?

Weil man manchmal im Leben Menschen begegnet, die man unheimlich achtet – und irgendwann erfährt, dass auch sie schon einmal ganz unten angekommen waren. Vielleicht sogar an einem Punkt, an dem es um Leben und Tod ging.

Und plötzlich versteht man manches anders.

Vor allem aber beginnt man sich zu fragen, was eigentlich in Menschen vorgeht, die auf jemanden, der ohnehin schon einmal beinahe zerbrochen wäre, immer weiter eintreten.

Die Gerüchte verbreiten.

Geschichten erfinden.

Anschuldigungen in die Welt setzen.

Und dem Betroffenen damit immer wieder vermitteln: Du bekommst keine zweite Chance. Egal, was du tust. Egal, wie sehr du versuchst, wieder auf die Beine zu kommen.

Dabei sollte eigentlich genau das Gegenteil selbstverständlich sein.

Wer weiß, dass ein Mensch bereits einmal suizidgefährdet war, müsste besonders vorsichtig mit ihm umgehen. Nicht aus Mitleid. Und schon gar nicht deshalb, weil dieser Mensch deshalb niemals mehr kritisiert werden dürfte.

Sondern aus einem ganz einfachen Grund:

Weil Worte Folgen haben können.

Natürlich darf Fehlverhalten angesprochen werden. Natürlich darf über bekannte Menschen berichtet werden. Und selbstverständlich bedeutet eine psychische Krise nicht, dass ein Mensch außerhalb jeder Kritik steht.

Aber zwischen Kritik und systematischer Vernichtung eines Menschen liegt ein gewaltiger Unterschied.

Wer unbelegte Geschichten verbreitet, einen Menschen öffentlich demütigt oder ihm nach einem schweren Zusammenbruch jede Möglichkeit nimmt, wieder Fuß zu fassen, sollte sich zumindest einmal fragen:

Was passiert eigentlich, wenn dieser Mensch daran erneut zerbricht?

Kann man anschließend wirklich sagen:

Damit hatte ich nichts zu tun?

Ich weiß aus meinem eigenen Leben, wie dünn die Wand manchmal sein kann.

Ich saß selbst einmal dort.

Ich hatte bereits den Ort erreicht.

Und ich überlegte nur noch, welche der beiden Möglichkeiten ich wählen sollte.

Ich entschied mich für die Rettung.

Andere Menschen treffen vielleicht eine andere Entscheidung.

Und genau deshalb sollten wir uns niemals daran beteiligen, einen Menschen, der gerade versucht wieder aufzustehen, erneut zu Boden zu schlagen.

Denn eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht daran, wie sie mit den Erfolgreichen umgeht.

Sondern daran, ob sie einem Menschen, der einmal ganz unten war, erlaubt, wieder aufzustehen.

Informationen zu diesem Artikel
  • Erstellt von: OMPastorPeitl
    Kategorie: Allgemein
    07.08.2026 09:07:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 07.08.2026 09:09
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